Enthält eine Zigarette 750-mal mehr Diacetyl als eine E-Zigarette?
In den vergangenen Jahrzehnten haben sich elektronische Zigaretten immer weiter verbreitet und bieten eine Alternative zu herkömmlichen Tabakprodukten. Wissenschaftliche Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens zeichnen ein neues Bild der Rauchbestandteile – darunter auch Diacetyl. Doch stimmt es wirklich, dass Zigaretten 750-mal mehr Diacetyl enthalten als E-Zigaretten? In diesem Artikel räumen wir mit Mythen auf, analysieren die Forschungsergebnisse der britischen Gesundheitsbehörde und zeigen, was das für Verbraucher bedeutet.
Was ist Diacetyl?
Diacetyl ist eine organische Verbindung, die natürlicherweise in vielen Lebensmitteln vorkommt und vor allem für ihr butterartiges Aroma bekannt ist. Backwaren, Butter und sogar einige Biersorten enthalten Diacetyl. In der Lebensmittelindustrie wird es häufig als Aromastoff eingesetzt. Beim Einatmen – etwa in Arbeitsumgebungen oder über Tabakrauch – kann Diacetyl jedoch ernsthafte gesundheitliche Probleme verursachen.
Die bekannteste damit verbundene Erkrankung ist die sogenannte „Popcorn-Lunge“ (Bronchiolitis obliterans), eine seltene, aber schwere Lungenerkrankung. Sie wurde ursprünglich bei Beschäftigten in Popcornfabriken festgestellt, die über längere Zeit sehr hohe Konzentrationen von Diacetyl-Dämpfen eingeatmet hatten. Wichtig ist: Diese Fälle stehen mit extrem hohen Expositionen in Zusammenhang, die um ein Vielfaches über den Mengen liegen, die beim Konsum von Zigaretten oder E-Zigaretten aufgenommen werden.
Diacetyl in herkömmlichen Zigaretten
Zigarettenrauch besteht aus mehreren tausend chemischen Verbindungen, von denen etwa 70 nachweislich krebserregend sind. Mehrere unabhängige Laboranalysen zeigen, dass der Diacetylgehalt im Rauch einer durchschnittlichen Zigarette zwischen 300 und 430 Mikrogramm liegen kann. Das ist im Vergleich zu als „sicher“ geltenden Grenzwerten eine erhebliche Menge.
Diacetyl wird Zigaretten nicht absichtlich als Aromastoff zugesetzt, sondern entsteht als Nebenprodukt des Verbrennungsprozesses. Langfristig können Raucher die als sicher geltende Exposition deutlich überschreiten. Dennoch wurde bei Rauchern keine erhöhte Häufigkeit von Bronchiolitis obliterans festgestellt – im Gegensatz zu deutlich erhöhten Risiken für Lungenkrebs sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Diacetyl in E-Zigaretten
E-Zigaretten funktionieren mit sogenannten E-Liquids, die hauptsächlich Propylenglykol, pflanzliches Glycerin, Aromen und gegebenenfalls Nikotin enthalten. Einige Aromen können geringe Mengen Diacetyl enthalten oder dieses bei der Erhitzung bilden. Laut einer umfassenden britischen Studie liegt der durchschnittliche Diacetylgehalt im Dampf einer E-Zigarette bei etwa 0,8 Mikrogramm pro Zug. Bezogen auf einen Zug ist das rund 750-mal weniger als die in Zigaretten gemessenen Werte.
Zudem haben Aromahersteller auf frühere Bedenken reagiert: Hochwertige E-Liquids werden heute gezielt diacetylfrei hergestellt. Die gesetzliche Regulierung ist ebenfalls strenger geworden – in der EU ist der Einsatz von Diacetyl als Aromastoff in E-Liquids nicht zugelassen oder nur unter sehr strengen Auflagen erlaubt.
Zigarette vs. E-Zigarette: Stimmt der Faktor 750?
Der Faktor von 750 wird durch mehrere Berichte britischer Gesundheitsbehörden, unter anderem von Public Health England, gestützt. In diesen Untersuchungen wurden die beim Inhalieren aufgenommenen Diacetylmengen verglichen. Das Ergebnis: Die aus einer klassischen Zigarette freigesetzte Diacetylmenge ist bis zu 750-mal höher als die im Dampf geprüfter, zertifizierter E-Liquids.
Dieses Resultat ist besonders bemerkenswert, da Diacetyl seit Jahrzehnten Bestandteil von Zigarettenrauch ist, ohne dass die Popcorn-Lunge in der Allgemeinbevölkerung verbreitet auftritt. Auch bei E-Zigaretten-Nutzern wurden entsprechende Erkrankungen bislang nicht beobachtet. Dennoch gilt: Die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen von E-Zigaretten werden weiterhin erforscht. Nach aktuellem Kenntnisstand sind E-Zigaretten in Bezug auf Diacetyl jedoch um Größenordnungen weniger belastend.
Was bedeutet das für Verbraucher?
Bei Gesundheitsfragen vermischen sich häufig wissenschaftliche Fakten mit populären Mythen. E-Zigaretten werden oft pauschal als ebenso schädlich wie herkömmliche Zigaretten dargestellt. Zumindest im Hinblick auf Diacetyl widersprechen dem jedoch fundierte Studien. Daten der britischen Gesundheitsbehörde und unabhängige Laboranalysen zeigen eindeutig: Der Diacetylgehalt im Dampf von E-Zigaretten ist nur ein Bruchteil dessen, was im Zigarettenrauch enthalten ist.
Dennoch gilt: Nicht jede E-Zigarette und nicht jedes E-Liquid ist gleich. Verbraucher sollten auf geprüfte, zertifizierte Produkte vertrauen und unbekannte oder nicht deklarierte Aromen meiden. Zudem ist Nikotin stark abhängig machend – E-Zigaretten sind daher keine gesunde Gewohnheit, sondern eine potenziell weniger schädliche Alternative für Raucher.
Fazit
Bezogen auf den Diacetylgehalt gilt nach aktuellem wissenschaftlichem Stand: E-Zigaretten sind weniger belastend als herkömmliche Zigaretten. Der vielfach zitierte Faktor von 750 wird durch mehrere seriöse Quellen gestützt. Das bedeutet jedoch nicht, dass E-Zigaretten völlig risikofrei sind – sondern dass bestimmte besonders problematische Stoffe im Vergleich zur Zigarette in deutlich geringeren Mengen vorkommen.
Eine informierte Entscheidung auf Basis verlässlicher Daten ist entscheidend – sei es für den vollständigen Rauchstopp, den Umstieg auf eine weniger schädliche Alternative oder die bewusste Abwägung gesundheitlicher Risiken. Es lohnt sich, aktuelle Forschungsergebnisse zu verfolgen und sich aus vertrauenswürdigen Quellen zu informieren.
Quellen und weiterführende Literatur
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Public Health England: E-cigarettes: an evidence update
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EU-Tabakproduktrichtlinie (TPD)
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„Diacetyl in flavorings – Analysis and safety assessment“ (Journal of Toxicology)
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Vapepie E-Liquid Herstellerdaten
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„Bronchiolitis obliterans as a popcorn workers’ disease“ (The Lancet)
Informieren Sie sich verantwortungsvoll und achten Sie auf Ihre Gesundheit.